Spiegelfechterei

Die Automobilindustrie macht Druck. Das Zeitalter der E-Mobilität soll jetzt schnell beginnen. Womöglich nicht, weil dort plötzlich die Sorge um die Umwelt ins Zentrum rückt, sondern weil technologische Entwicklungen rund um das Fahrzeug das gesamte bisherige System Verkehr – und die Eckpfeiler lange Zeit hervorragend funktionierender Geschäftsfelder – in Frage stellen. Also neu, elektrisch und vernetzt sollen Fahrzeuge bald sein.

Ob die damit verknüpften Szenarien aber für den Mobilitätsalltag wirklich reizvoll und attraktiv sind bleibt zu klären. Denn was in Produkte und Dienstleistungen übersetzt, technisch machbar und wünschenswert ist, das definiert größtenteils noch immer die Industrie. Widersprüchlich und ambivalent dazu sind, Stichwort autonomes Fahren, die Signale aus der Gesellschaft. Gewiss ist zu differenzieren zwischen passiven und aktiven, alten und jungen Verkehrsteilnehmern, ebenso sind ökonomischer, sozialer und kultureller Status und die damit verbundenen Haltungen von erheblicher Bedeutung.

Andererseits ist der gegenwärtige Status motorisierten Individualverkehrs in den Ballungsräumen kaum mehr haltbar. Dabei wollen (oder können) nicht alle zu Fuß gehen oder das Fahrrad nutzen, der ÖPNV ist vielerorts an seine Kapazitätsgrenzen angelangt und unmittelbar spielen Infrastruktur, räumlicher Bezug, Wohnung, Arbeitsstelle, Freizeitverhalten und individuelle Präferenzen eine erhebliche Rolle bei der Frage, wie wir es mit dem Verkehr grundsätzlich halten wollen.

Es wäre sehr viel gewonnen, gäbe es attraktive, verbindende Leitbilder zukunftsgerechter Mobilität. Fest eingebunden wären dabei neue Ideen über Stadtgestaltung, Architektur,  Wohnen, Arbeiten, Datennutzung. Leider bleiben die gegenwärtigen Narrative meist in den Interessenschablonen ihrer Auftraggeber oder Autoren hängen. Neue Projektionen sind aber dringend nötig: Jenseits einer expressiven Technikschau einerseits, die zeigen soll was die Industrie glaubt auf die Beine stellen zu können, und wenig plausiblen Vorstellungen ihrer fundamentalen Kritiker andererseits, die Zeit ließe sich idealerweise in prämotorisierte Kleinräumigkeit zurückdrehen.