Von exklusiven Stadtresidenzen, repräsentativen Villen und stilvollen Hofgärten

Der Zuzug in die städtischen Ballungsräume ist ungebrochen und wird allen verlässlichen Planungszahlen zufolge auch noch viele Jahre anhalten. Das führt zu erheblichen Problemen in den Kommunen, am spürbarsten für jeden Einzelnen sind die Folgen für den Verkehr und die Verfügbarkeit von Wohnraum. Der Themenkomplex „Wohnen“ spaltet sich in zahlreiche Facetten auf, wobei die Kosten für das Leben in der Stadt selbstverständlich für die meisten Menschen die vordringlichste Problematik darstellen. Stadt muss man sich leisten können, mehr denn je.  Geht es nur noch um das Bewältigen wirtschaftlicher Barrieren, treten Fragen zur Qualität der verfügbaren innen- und außenräumlichen Bedingungen des Wohnens nachvollziehbarerweise in den Hintergrund. Den Stadtgesellschaften tut das in keinem Fall gut.

Dass deutlich mehr Wohnraum benötigt wird, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Nur verfolgen die relevanten Akteure (Bauträger, Investoren, Käufer, Mieter, Kommunen, Bauwirtschaft, Architekten und nicht zuletzt die Satdtgesellschaft in ihrer kulturellen Heterogenität) teilweise höchst unterschiedliche Interessen. Was Architektur ist oder kann, das gerät schon seit langem in die Mühlen poltischer, technischer und ökonomischer Zwänge. Sehr oft ist bei einem Bauvorhaben gar kein Architekt mehr eingebunden, denn zugespitzt formuliert, würde der in einer auf ökonomische Optimierung ausgerichteten Kalkulation nur nerven. Der gegenwärtige Markt scheint diese Haltung regelrecht zu befeuern, verkaufen und vermieten lässt sich angesichts des immensen Nachfragedrucks im Grunde alles. Über die verbale Akrobatik der Immobilienmakler könnte man sich prächtig amüsieren, wären die beworbenen Objekte nicht so banal. Architektonische Qualitäten spielen nahezu keine Rolle mehr. Dabei sollte aber niemand glauben, Investoren oder Käufer einer Immobilie wüssten es besser und würden, könnten sie nur, eigentlich anders handeln wollen.

Fachkammern und Verbände beklagen seit vielen Jahren, dass es mit dem Verständnis, was Architektur zu leisten in der Lage ist, nicht weit bestellt ist. Vorstellungen von Gebäuden, ihre Gestalt und ihren Funktionen, rekurrieren auf Wahrnehmungen aus den Medien, vorrangig im Kontext erzählender Formate, also Fernseh- und Kinofilme, aber auch aus der Werbung und immer stärker aus den bildbasierten sozialen Medien. Dort wird Architektur zur sozialen Staffage im Form von adretten Fassaden für ein Setting reduziert, Gebäude haben als Kontextzugabe für bestimmte Lebensstilprojektionen zu dienen. Verkürzt formuliert, es geht um vordergründige Emotionen, Erwartungen, Assoziationen. Schnell verfestigt sich in solchen Wahrnehmungen die stereotype Haltung, vermeintlich modere Architektur ab den 1950er Jahren sei kalt, anonym, herzlos, gleichmachend. Gebäude der Jahrhundertwende hingegen, menschengerecht, individuell, hochwertig.

Ein zentraler Fehler der Städte, der Bauindustrie und der Architektenschaft in den Nachkriegsjahrzehnten war natürlich das planerische Versagen, auf individuelle menschliche Bedürfnisse nicht einzugehen, sondern die Befriedigung von Wohnbedürfnissen als ökonomisch-mathematische Gleichung zu sehen. Ergebnis dieses Verständnisses sind uniforme Gebäudemaschinen, die abfällig – und nicht selten zu unrecht – als Hühnerbatterien oder Hasenställe bezeichnet werden. Eine Diskussion über soziale und ökonomische Zwänge, auf die das Bauen in den Nachkriegsjahrzehnten zu reagieren hatte, fand allerdings nicht oder nur in ausgewählten Fachzirkeln statt. In der breiten Öffentlichkeit angekommen ist das eigentlich nicht. Aus den Fehlern scheint man kaum gelernt zu haben.

Zeitgemäße Architektur ist zu höchsten Leistungen fähig. Damit ist nicht die globale Spektakelarchitektur gemeint. Qualität steckt fast immer im Detail und kommt selten laut und schreiend daher. Oft sind die Bauvorhaben der kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, die alle sehr knapp kalkulieren müssen, denen privater Bauträger haushoch überlegen. Planerisch, gestalterisch, funktional, kulturell.

Was geht uns das aber an, wenn der Markt scheinbar auch so funktioniert, weil Besseres kaum eingefordert wird? Minderwertige Architektur beschädigt nicht nur die Qualität der privaten räumlichen Nutzung, sie deformiert mit ihren Typologien vom Reißbrett auch den öffentlichen Raum, der uns allen gehört, für viele Jahrzehnte. Das zentrale Problem bleibt, dass viele Akteure gar nicht wissen, wie Besseres aussehen und funktionieren könnte und gerade weil das Gebaute als realisierte Manifestation des Alltags einerseits, und in seiner bildlich vervielfältigenden Repräsentanz in den Medien andererseits, weit unterhalb des Möglichen bleibt. Ein Ausweg? Immer wieder zeigen, veranschaulichen, nachvollziehbar und erlebbar machen, was sein könnte, wenn man es nur einforderte.