Nur was man sieht, das kann man glauben

Genau das könnte sich noch als äußerst problematisch erweisen. Denn offenbar sind sich nur fachlich Involvierte und einige wenige interessierte Beobachter über die Konsequenzen dessen klar, was im Kontext digitalisierter Vernetzungen in den Städten und regionalen Bezugsräumen unter dem plakativen Label „smart city“ in naher Zukunft stattfinden wird oder bereits begonnen hat. Sichtbar, zumindest gegenwärtig, ist das wenigste davon.

Neben sachlich notwendigen und sicher auch von vielen Bürgern positiv begleiteten Veränderungen in den kommunalen Informations-, Kommunikations- und Verwaltungsstrukturen treiben in erster Linie technisch-wirtschaftlich motivierte Akteure die Transformationen der digitalen Vernetzung voran. Ganz klar, dass es hier vor allem um das erfolgreiche Öffnen und Besetzen neuer Geschäftsfelder geht. Soziale und kulturelle Verbesserungen sind als Begleiterscheinung sicherlich willkommen, wahrscheinlich aber nicht zwingende Voraussetzung für das anfänglich kosten- und ressourcenintensive Engagement. Alles wunderbar angesichts der vermeintlich phantastischen Aussichten leistungsfähiger „smart cities“?

Im Widerspruch zur kulturell reizvollen – zugegebenermaßen aber vielleicht etwas blauäugigen – Idee einer sich über ihre zentralen Belange gemeinsam verständigenden Stadtgesellschaft, wird über jene fundamentalen Veränderungen, die mit der Digitalisierung des urbanen Raumes einhergehen, nur in kleinen Zirkeln technologisch und ökonomisch Eingeweihter verhandelt. Weite Teile der Stadtgesellschaft können oder wollen die damit verbundenen Alltagsimplikationen offenbar nicht und nur beiläufig zur Kenntnis nehmen. Und von den Kommunen kommt erklärend und erläuternd bislang recht wenig. Selbst schuld wenn man das Heft aus der Hand gibt? Möglicherweise.

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat zusammen mit Partnern vor wenigen Wochen eine Studie zu den Herausforderungen der Kommunen auf dem Weg zur „smart city“ vorgelegt. Die zentralen Punkte „Hoheit und Kompetenzen“, „ökonomischer Strukturwandel“, „Wissensintegration“ sowie „Teilhabe“ verweisen auf ein facettenreiches Bündel an Themen, die allesamt nicht nur für die Wirtschaft, sondern ganz besonders für die Zivilgesellschaft von Bedeutung sein werden. Wirklich angekommen scheint das dort aber noch nicht zu sein. Eine angemessene kritische Auseinandersetzung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist bisher vielleicht auch deshalb nicht zu erkennen, weil die Transformationen, teilweise in sperrigem Fachjargon und wenig luzide, vorrangig in den Verständigungsstrukturen von Technologie und Wirtschaft zirkulieren. Ideen, Erwartungen, Projekte und Tempo der Maßnahmen werden weitgehend dort definiert. Für den einzelnen Bürger sind die Veränderungen nur schwer zu überblicken und zu bewerten.

Die Anpassungen im Verkehr, in der Versorgung von Energie und Wasser sowie die Folgen für Konsum, Arbeit und Beschäftigung werden je nach Bezugsgruppe gravierend sein und sie sollten ausreichend diskutiert werden. Neben ausdrücklich zu begrüssenden Verbesserungen in der Organisation behördlicher und verwaltungstechnischer Prozesse sind aber auch Risiken und Gefahren durch die Vervielfachung der Datenmenge sowie deren Transparenz und Zugänglichkeit zu betrachten. Damit auseinandersetzen sollten wir uns schon längst, tun es aber kaum. Es ist schon seltsam, dass der digitale Umbau und die damit verbundenen Auswirkungen (Überwachung, Steuerung, Ökonomisierung etc.) mehrheitlich ohne nennenswerten öffentlichen Diskurs, als handle es sich um ein unbeeinflussbares Naturereignis, wahrgenommen werden. Wird schon klappen, kann man sowieso nichts machen. Keine leisen Zweifel an den euphorischen Digitalszenarien der Industrie und Politik? Auch nicht anlässlich der im Grunde banalen „WannaCry“-Attacke und ihrer weitreichenden Folgen..?

 

 

Drinnen in der Stadt

Wohnraum ist in vielen Städten zu einem knappen Gut geworden. Die Kommunen versuchen – mit leidlichem Erfolg – darauf zu reagieren und im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Leben in der Stadt auch für einkommensschwache Gruppen nicht zu einer unüberwindbaren Hürde werden zu lassen. Eine Reihe ökonomischer Dynamiken jedoch (Kapitalmarkt, Renditen, Globalisierung, Digitalisierung) macht die kommunalen Ambitionen zu einem schwierigen Unterfangen, auch ein fast alle sozialen Milieus und Alterskohorten umfassender Zug in die Städte hinein erhöht den Druck. Demografischer Wandel, Konsum- und Kulturerwartungen, veränderte Arbeitsmöglichkeiten und Bildungsangebote wären hier zu nennen.

Städte standen im Grunde immer für Veränderung, Verdichtung und Verständigung. Möglicherweise mangelt es zur Lösung der vielschichtigen Probleme aber heute ein wenig an letzterem. Kritische Beobachter könnten einwenden, dass gerade das konsequente Durchsetzen partikularer Interessen in den letzten Jahrzehnten wieder zu einem gesellschaftlich positiv sanktionierten Handlungsmoment geworden ist. Nicht nur im Beruf, auch im Privatleben. Sich nehmen, was ökonomisch und sozial möglich ist. Ganze Stadtteile, deren jüngere Metamorphosen unter dem mittlerweile etwas strapazierten Begriff „Gentrifizierung“ ausführlich in den Medien beschrieben wurden, sind ein facettenreiches Panoptikum, wenn drohender Verfall zunächst in urbane Heterogenität und dann am Ende in lähmende Homogenität überführt wird.

Die Ursachen sind vielfältig: Die Größe des beanspruchten Wohnraums nimmt seit langem zu, bauliche Lösungen dienen nicht selten eher repräsentativen Interessen, der öffentliche Außenraum wird entweder nur nachlässig beachtet oder, lange Zeit die Regel, dem wachsenden motorisierten Verkehr geopfert.

Ideen für neue Formen städtischen Lebens gäbe es sicher genug, die Rückeroberung des öffentlichen Raums sowie die Übersetzung neuer Wohn- und Arbeitskontexte in planerische Konzepte sind Thema unzähliger Seminare. Ohne eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen werden die gesellschaftlichen Reibungen – Region versus metropolitane Zentren, Stadtteile versus Stadtteile – wohl stark zunehmen. Nicht weil es die Städte so wollen oder nichts versuchen, sondern weil es in der Gesellschaft an attraktiven Leitbildern einer zukunftsfähigen, vor allem vielfältigen Stadt mangelt, an denen entlang aktive Verständigung und Vielfalt erprobt und gelebt werden können. Denn die, machen wir uns nicht vor, sind bislang schwer zu finden. Am allerwenigsten in den Vorstellungen der Investoren und den Katalogen der Immobilienentwickler.

Schwache Stärke

Beschäftigt man sich mit den Wirkungskräften von Transformationen, dann erreicht man bei der Frage nach den Ursachen und Motiven – wieso entwickeln sich manche Prozesse, wieso andere nicht – früher oder später Bereiche, in denen das Verstehen von Handlungsleitbildern nicht immer ganz einfach ist. Nicht einfach, weil dort immer wieder die sozialen und kulturellen Dynamiken traditioneller Rollenverständnisse mit ihren simplifizierenden Zuordnungen, was als männlich und als weiblich zu gelten hat, auftauchen. Besonders in Zeiten des Wandels und der Unsicherheit scheinen diese Rückgriffe nicht unerheblichen Zuspruch zu versprechen. Ein plurales, freies, diversifiziertes Miteinander wird als Bedrohung, Machen im Gegensatz zur Suche nach dem diskursiven Ausgleich als Schwäche empfunden. Klar, dass hier die Rollenzuordnungen für Männer und Frauen keiner großen Debatte bedürfen. Ganz sicher begeht eine Leichtsinnigkeit, wer genau diese Dynamiken für das Bewegen und Neuausrichten von gesellschaftlichen Leitbildern unterschätzt. Eine auf die Politik fokussierte Facette dieser Problematik hat die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa kürzlich in einem Essay über vermeintlich moderne Maskulinität ins Licht gerückt. Es dürfte sich lohnen, diese Gedanken weiter zu tragen. Warum tun wir uns so schwer mit neuen Formen nachhaltiger Mobilität, einer neuen Kultur des Konsums, einem neuen Verständnis von Technologie..?

Impulse in der Stadtentwicklung

Ein im Spätsommer 2016 zu Ende gegangenes, dreijähriges DFG-Forschungsprojekt des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung e.V. und der Universität Stuttgart mit dem Titel „Wie kommt Neuartiges in die räumliche Planung?“ hat sich mit den Spielräumen metropolitaner Entwicklungsplanung auseinandergesetzt und dabei vier exemplarische Handlungsfelder genauer untersucht. Neben Fragestellungen zur Anpassung regionaler Entwicklungsräume und der Auseinandersetzung mit den Optionen sogenannter benachteiligter Stadtgebiete untersuchte das Forschungsteam die konzeptionellen Perspektiven von Zwischennutzungen städtischer Brachen sowie jüngere Veränderungen im grundsätzlichen Verständnis über Quartierentwicklungen.

In allen vier Teilbereichen ging es darum, die temporären, sozialen und organisatorischen Bedingungen und Merkmale von Wandel und Transformation zu untersuchen und dabei jeweils die Möglichkeiten für Erneuerungen kenntlich zu machen. „Ziel des Projektes war es“, resümieren die Forscher in ihrem Abschlussbericht, „den Prozess der Entstehung, Umsetzung und Ausbreitung von Innovationen in der räumlichen Planung an Praxisbeispielen nachzuvollziehen“. Interessant wäre folglich, auch der Nutzung und Aneignung medialer Strukturen und Formate für das Verständnis des Neuen nachzugehen.

Tempo im Nebel

Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind verlockend. Auf Vorträgen kommt spätestens an dieser Stelle ein Beispiel aus der Medizin, gekoppelt an ein denkbar persönliches Szenario. Einfach und anschaulich. Möglichst viele – am besten alle – relevante Daten für eine passgenaue, schnelle Behandlung zu haben dank Big Data, wer würde da abwinken? Natürlich beschreiben diese Erzählungen noch immer Optionen, es könnte also so sein. Wunderbar. Dabei ist die momentane Diskussion von einer Postion „machender Akteure“ gekennzeichnet, allesamt eher keine Altruisten, sondern Investoren, die für ihr eingesetztes Kapital in absehbarer Zukunft einen rückfließenden Mehrwert erwarten. Hinter der Silicon Valley Folklore von der Weltverbesserung geht es am Ende des Tages um nichts anderes. Auch gut, wieso nicht.

Andere Akteure wiederum sind getrieben von der nackten Angst, den wettbewerblichen Anschluss zu verlieren. Denn alte, bisher prächtig funktionierende Geschäftsfelder laufen Gefahr, in naher Zukunft zur Disposition zu stehen oder einfach vom Druck der technischen Veränderungen überrollt zu werden. In der Automobilindustrie ist das so. Auch das lässt sich nachvollziehen. Wo ist dann überhaupt das Problem? Unter die Räder geraten bei dem Tempo und der Gewaltigkeit der Veränderungen diejenigen, die erst begonnen haben, sich ein Bild vom Sturm der Veränderungen zu machen. Und nicht selten erhebliche Schwierigkeiten beim Zusammentragen und Nachvollziehen der vielen Facetten und Dynamiken von Vernetzung und Automatisierung in ihrem privaten und beruflichen Alltag haben. Die Treiber (und gegenwärtigen Profiteure) der Digitalisierung scheint das bisher erstaunlich wenig zu kümmern. Von Deep Data zur Deep Transformation. Eigenartig bei der gesellschaftlichen Kollisionsgefahr.